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Bei den energiegeladenen Stücken von Dianne Reeves scheint die Bühne zu kochen und fast zu explodieren. Foto: A. Becher

Ein rauschendes Fest für das Publikum

Von Miklós Vajna for Backnanger Kreiszeitung


Ein Highlight in Backnang: Zum krönenden Abschluss der Jazzreihe singt Dianne Reeves im Bürgerhaus. Stehend verabschiedet das Publikum die fünffache Grammy-Gewinnerin und ihre vierköpfige Band mit tosendem Beifall.

BACKNANG. Es ist ein angenehm warmer Frühlingsabend, fast schon wie eine laue Sommernacht. Die Kastanien- und Ahornbäume tragen üppig frisches Grün und unter den Strohschirmen vor dem oberen Eingang des Backnanger Bürgerhauses genießen entspannte Menschen ihr frisches Bier oder den gut gekühlten Weißwein, um die Wartezeit bis zum Beginn des Konzerts mit Dianne Reeves zu überbrücken.

Coronamasken werden noch getragen, und der Ukrainekrieg ist präsent durch die blau-gelbe Flagge auf den Anzeigetafeln. Aber die Freude und Erleichterung über den wieder rundlaufenden Kulturbetrieb ist deutlich spürbar.

Im fast ausverkauften Walter-Baumgärtner-Saal dann die überschäumend freudige Begrüßung durch Kulturamtsleiter Johannes Ellrott. Er bestätigt offiziell, dass Dianne Reeves wahrhaftig und in eigener Person erschienen ist und singen wird. Und: Durch den Auftritt von Dianne Reeves, der krönende Abschluss der Jazzreihe im Bürgerhaus, ist Backnang jetzt auf Augenhöhe mit den anderen Auftrittsorten, den Weltstädten Genf, Milano, Basel und San Francisco sowie Dubai.

Dann startet das Konzert durch im Stil amerikanischer Großveranstaltungen: Ellrott ruft mit vollem Stimmeinsatz und auf- und absteigender Stimmmelodie die Musiker der Band auf: Peter Martin (Piano), Romero Lubambo (Gitarre), Reuben Rogers (Bass) und Terreon Gully (Schlagzeug). Jeder wird mit tosendem Beifall begrüßt.

Die vier hochkarätigen Musiker beginnen in dunkelblauem Nebelschwadenlicht mit einem freien, improvisiert klingenden und rhythmischen Intro und schon jetzt sind wie auch im ganzen folgenden Konzert neben dem immer starken Applaus lautstarke Beifallsrufe zu hören.

Und dann tritt sie endlich auf, die unvergleichliche Dianne Reeves. Zum Einstieg singt sie ein brasilianisch angehauchtes „Morning has broken“ mit einer frei gestalteten, mäandernden Melodiebildung: ein Gänsehautmoment, der erste von vielen an diesem Abend.

Ihre Stimme ist sehr variabel, von einem leisesten Hauch mit zarten Klängen bis hin zu gewaltigen, saxofonartigen Energieeruptionen, klar klingend und durchgehend optimal intoniert; der Stimmumfang ist schier unendlich: vom tiefen Männerbass bis hoch zu flirrenden Glöckchentönen, in Perfektion instrumental und virtuos geführt. Ganz besonders ist die Behandlung der Stimme als instrumentaler Melodieträger in den verschiedensten atemberaubenden Scateinlagen zu hören, hier auch manchmal mit bewusst eingesetzten heiseren Stimmklangadditionen. Sie ist völlig sicher und souverän in der Stimmbeherrschung, dabei jedoch von einer entspannten Leichtigkeit ohne jede störende Anstrengung. Egal was sie singt: Es ist immer gut. Das Konzert ist ein rauschendes Fest für das Publikum, bei den energiegeladenen Stücken voller Tempo und Drive scheint die Bühne zu kochen und fast zu explodieren.

Nicht zu vergessen die atmosphärisch unterstützende Lichtregie: dezent, aber einfallsreich und stimmungsvoll, und es gab einen besonderen Lichtmoment – Dianne Reeves umhüllt in einer Wolke von rotem Licht, herausgenommen aus der Zeit.

Nach dem Versprechen, sie käme auf jeden Fall wieder nach Backnang, macht die Künstlerin mit ihrem Handy einen Panoramaschwenk von den Standing Ovations des Backnanger Publikums, dann gibt es Orchideen, rote Rosen und ein kleines Tänzchen von Johannes Ellrott. Am Ende der gefühlvollen Zugabe mit dem Gitarristen legt die Sängerin das Mikrofon weg und singt mit ihrer unverstärkten Stimme weiter: ein sehr persönlicher und berührender Moment. Und dann geht sie – mit einem „Auf Wiedersehen“ – von der Bühne.